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»Gott essen Angst auf«

Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt · Frauenkirche Dresden – Kanzelworte · 2026-10-31 · Dresden · Source

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»Gott essen Angst auf« Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt -- Liebe Gemeinde, „Angst ist nie ein guter Ratgeber“ - schallte es uns im Herbst 1981 aus Politikermund entgegen, als wir, 100.000 Menschen, in Bonn auf der Hofgartenwiese standen. Wir hatten damals Angst vor Pershings, Cruise Missiles und SS 20. Die führte uns in Bonn zusammen. „Angst ist nie ein guter Ratgeber“: damals fand ich das eine kalte Phrase. Heute, 45 Jahre später und älter, sehe ich doch eine Wahrheit in diesem Satz. „Angst essen Seele auf“: da ist etwas dran. Manchmal, in guten Momenten, macht mich Angst munter. Aber viel öfter lähmt sie mich, macht verdrossen, wehleidig, selbstbezogen. Wohl die Angst aller Ängste ist die Angst, zu kurz zu kommen. Martin Luther hat damit das schwere, beladene Wort Sünde veranschaulicht. Diese Urangst produziert Aggression, und speziell in Deutschland die vielbeklagte Neidgesellschaft. Und den „Wutbürger“, für den es immer die anderen sind, die es besser haben. I. Der vorhin gehörte Predigttext handelt von der Angst. Gleich drei Mal enthält der kurze Text die häufigste Aufforderung der Bibel: „Fürchtet euch nicht“. Das ist nicht von ungefähr. Denn es gibt für die Jünger Jesu, an die sich Jesus hier wendet, schon Gründe, Angst zu haben. Unser Abschnitt ist Teil der großen „Aussendungsrede“ Jesu im Matthäusevangelium. Sie ist im Kern eine Aufforderung und Ermutigung zum Bekenntnis. Also nicht im frommen wohligen Nischendasein zu bleiben, in des Bubble der Gleichgesinnten, wo die Versuchung zum spirituellen Wellness-Christentum groß ist. Stattdessen: Geht raus in die Welt! „Verkündigt es auf den Dächern!“ Also dort. Wo es alle hören können. Auch wenn sie euch verfolgen und töten. „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. (…) Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“. Auch solche Sätze finden wir in dieser Aussendungsrede. Mit ihnen werden Jesu Leute gebrieft und zugleich ausgerüstet für das, was kommt. Rüstzeit also. Märtyrerpredigt, gerichtet an die, die vieles aufgeben sollen für ihre Mission, die ihr Leben aufs Spiel setzen. Die Einsamkeit eines Auftrages, einer Bestimmung. Ist Nachfolge Jesu etwas für Lonely Heroes? Für Martin Luthers Thesenanschlag an die Tür der Wittenberger Schlosskirche heute vor 509 Jahren ging das Framing über Jahrhunderte etwa so: Ein Mensch, der einsam seinen Weg geht, aber bei allen Anfechtungen von innen und von außen doch in einer unerschütterlich ruhigen Gewissheit, von der Wahrheit getragen zu sein. Ein aufrechter Mönch als lauteres Schaf unter all den Wölfen der Kirche. Einer, der sich nicht fürchtet vor Kirche und Kaiser, vor Hölle, Tod und Teufel. Martin Luther in der Rolle des religiösen Helden, des idealen Dächerredners, der wie kein anderer Christus vor der Welt bekennt. Ein religiöser Held, v.a. im 19. Jahrhundert als nationaler Heroe auf unzählige Sockel gestellt. Seiner Sache gewiss, trotzig gegenüber der Kirche und dem Rest der Welt, und meisten mit dem Buch in der Hand. Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Exemplarisch zu besehen auch bei „unserem Luther“ draußen vor der Tür auf dem Neumarkt. Aber spätestens seit den heillosen 1.000 Jahren und den „Deutschen Christen“, die sie hervorbrachten, sind uns diese Töne gründlich vergangen. Der Reformationstag ist längst kein Helden-Gedenktag mehr. Kein deutsch-protestantischer Parteitag, der aus der Abgrenzung zu den Katholiken seine Kraft zieht. Und wenn wir auch immer noch die sog. „Marseillaise der Reformation“, das Lied von der festen Burg singen, die uns gegen den altbösen Feind, den Fürsten dieser Welt schützt, dann singt das niemand mehr gegen Rom, und dann gleich noch gegen den Rest der Welt. Über Jahrhunderte war das so. Bis dann kam, was kommen musste: Viele deutsche Protestanten konnten das Reich, das uns doch bleiben muss, von einem anderen Reich, dem „Tausendjährigen“ nicht mehr wirklich unterscheiden. Als es dann vor 81 Jahren nichts mehr zu verwechseln gab, als das „Reich“ in Trümmern lag, in ihm auch diese Kirche, da war man der hohen Töne todmüde. II. Wir feiern am Reformationstag einen Aufbruch, eine Bewegung, zu der viel mehr beeindruckende Personen und Zeugen des Evangeliums von Jesus Christus gehörten als nur Martin Luther. Philipp Melanchthon und Martin Bucer, Johannes Calvin und Ulrich Zwingli, Anne Boleyn und Thomas Cromwell, Komponisten auch wie Bach, Händel und Mendelssohn, und nicht zu vergessen Paul Gerhardt, einer der populärsten Dichter deutscher Sprache überhaupt. Die Reihe ließe sich noch lange weiterführen, bis hin zu Christuszeug:innen wie Dorothee Sölle und Theo Lehmann - die ich ganz bewusst zusammen in einem Atemzug nenne, denn beide so konträren Tönungen des Evangelischen gehören zum Protestantismus, und stehen uns als Kirche der Freiheit, wie wir uns gerne nennen, die keine zentralistische Einheitsfärbung hat, gut an. Und natürlich ebenso wenig zu vergessen die ideengeschichtlichen Wirkungen der Reformation: der Pietismus und die Aufklärung, die Menschenwürde und die Pluralität, die Demokratie und die Wissenschaftsfreiheit. Wir denken am Reformationstag immer an einen großen Anfang - nicht an einen einsam-heldischen Anfänger. Auf jeden Fall gilt: Die Männer und Frauen der Reformation haben die Kirche als angstfreien Raum gewollt. Die Reformation ist eine große Befreiungsbewegung gegen die Angst gewesen, die damals sehr ähnlich wie in den jetzigen Zeit enorm wirkmächtig war. Aber was war es eigentlich, was die Männer und Frauen der Reformation in Bewegung gebracht hat? „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern“: Welche Herzensbotschaft hat sie ergriffen, die sie ans Licht bringen mussten, aus dem Verborgenen in die Öffentlichkeit, von den Studierstuben auf die Dächer, also auf die von Gutenbergs Presse gedruckten Blätter, verteilt im ganzen Land? Was hat die Heilige Schrift all diesen Menschen in der Stille ihres Suchens erzählt? Es gibt ganze Bibliotheken zu dieser Frage. Die meisten ihrer Bücher sind mit dem Stichwort Rechtfertigung allein aus Glauben verbunden, mit dem gnädigen Gott und dem Ende der sog. „katholischen Werkgerechtigkeit“. In der lutherischen Glaubenstradition fest verwurzelte Menschen würden immer noch sagen: das ist der Kern des Ganzen. Stimmt auch - irgendwie. Aber was sagt das denn? Was sagt das dem Menschen, dem ich in der Tram gegenübersitze? Der übernächtigten Ärztin auf der Intensivstation? Dem einsamen alten Mann in der Wohnung gegenüber? Der Studentin mit Prüfungsangst? Dem Bürgermeister, der sich Tag um Tag für seinen Ort abplagt, und abends schon wieder Hassbotschaften im Briefkasten findet? Deshalb doch noch einmal bei Luther persönlich angeknüpft: Was hat er in der Finsternis gesagt bekommen? Was hat ihm die Heilige Schrift in der Stille seines Suchens erzählt? III. So robust und sinnenfreudig er wohl war, so sehr war Luther doch als Kind des ausgehenden Mittelalters auch gepeinigt von Ängsten unterschiedlichster Art. Als er noch Erfurter Augustiner-Mönch war, fühlte er sich immer mehr in die Enge getrieben - vor allem von Gott. Gott erschien ihm wie das, was für uns das Inbild eines guten, gerechten Richters ist: unbestechlich, ohne Emotionen und ohne Ansehen der Person nur auf deren Taten bezogen, um diese ganz objektiv juristisch zu beurteilen. Mit so einem Gottesbild konnte Luther Gott nur als gnadenlos erfahren. Er zweifelte existenziell, ob Gott ihm wirklich gut sein könne, so ungut wie er sich selbst erlebte. So wollte er es Gott recht machen und sich vor Gott ins rechte Licht setzen. Er stand unter einem ungeheuren Rechtfertigungsdruck. Er hatte in den Jahren im Kloster selbstquälerisch Askese geübt. Fasten, Rosenkränze beten, Pilgern, Studieren, auf nacktem Fußboden schlafen. Geistliche Selbstoptimierung bis zum Gehtnichtmehr. Denn irgendwann spürt Luther: so geht es nicht mehr, ich kann es nicht mehr! Täglich aufs Neue empfindet er, dass er auf der Strecke bleibt: unendlich weit zurückbleibend hinter Gottes gefühlten Erwartungen an sein Fromm- und Gutsein. Alles was er tut, erscheint ihm unzureichend. Überall lauerten Gefahren, Versuchungen - und der Teufel lugt immer wieder um die Ecke und bleckte grinsend seine Zähne. Die Angst vor Gott hat ihn in einer Tiefe ergriffen, die ihn durchschüttelt. Und in der Einsamkeit seiner Klosterzelle mögen ihm solche Sätze der Bibel wie der aus unserem Text in den Ohren gegellt haben: „Fürchtet den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“ Die Furcht, ja, die trieb ihn an und zugleich in die Verzweiflung. Er schreit nach einem ihm gnädigen Gott. Einem Gott, der ihm gerecht wird, wo er doch rund um die Uhr die Erfahrung macht, Gott niemals recht zu werden. Er hatte oft von Gottes Gerechtigkeit gehört. Sie war für ihn wie eine dunkle Maske, weil er sie sich nicht anders vorstellen konnte als irdisch, also als Gerechtigkeit nach dem Prinzip suum cuique, jedem das Seine. So blieb ihm nur Hass auf Gott und Selbsthass wegen des gefühlten eigenen Dauerversagens. Nun, diese Bilder der Angst, die eben auch Bilder der Zeit Luthers waren, sind nicht mehr unsere. Ewige Höllenqualen haben wir als Kinder der Aufklärung und der Modern längst unter der Rubrik Mythen entsorgt. Scheint so. Denn: Diese existentielle Angst Luthers, die das Leben lahmlegt und vermauert, dieses „Angst essen Seele auf“, das sind wir in Wahrheit ja nicht losgeworden. Die Erfahrung hat heute nur andere Bilder. Sie nennt sich etwa Angst vor dem Versagen. Sie meldet sich in dieser elenden inneren Stimme in mir, die mir immer wieder zuraunt, dass ich sowieso nicht genüge. Sie schleicht sich herum in der Angst, im Alter hinfällig zu werden und von anderen abhängig. Und in der Vorstellung, dass ich niemandem zur Last fallen will. Sie begegnet in der Angst vor dem Tod als dem großen Zerstörer und Stummmacher, der mich in einen Abgrund reißt, in dem kein Grund mehr ist. Und sie tobt sich aus in den dunklen Fantasien, die inzwischen so viele Menschen befeuern, von globalistischen Weltverschwörungen geheimer Mächte, die irgendwie ungreifbar sind, außer dass viele überzeugt sind, dass sie jüdisch gelenkt werden. Mehr als ein Drittel der Deutschen, so haben Umfragen ergeben, wünschen sich inzwischen den demokratischen Parteienstaat weg, und stattdessen einen „starken Mann“ an der Spitze, der sagt, wo’s langgeht und unser Volk vor den geheimen fremden Mächten beschützt. Und mit einem Mal wird der gefühlt garstig breite Graben zwischen dem „spätmittelalterlichen“ Luther und uns „modernen“ Leuten ziemlich schmal. Angst essen Seele auf. IV. Es ist aber gerade diese Tiefe der Angst, in der Martin Luther dann die Tiefe des Trostes erfährt. Die Erfahrung eines neuen Grundes, den er in der Tiefe findet. Eines Grundes, in dem sich ihm ein liebevoll zugewandtes Bild zeigt. Jesus Christus nämlich, bei dem er plötzlich eine neue Stimme vernimmt. Sie tönt so, diese Stimme: Fürchte dich nicht! Hab keine Angst! Es ist gut, dass Du da bist, es ist gut, dass es dich gibt - so wie du bist! Ich habe dich gewollt und habe dich geschaffen. Ich brauche dich hier in dieser Welt als freier Mensch. Im Jenseits, da habe ich schon für dich vorgesorgt. Hab keine Angst, auch nicht vor Dir selbst: ich will dir die Angst nehmen und die Angst vor der Angst dazu. Fürchte dich nicht vor dem Toben der Feinde in deiner Seele, sie sind ja nur kleine Geister. Fürchte dich nicht, denn ich verurteile dich nicht, also verurteile du dich selbst auch nicht! „Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du auch hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land“ (Gen 28,28): Das hatte Gott schon dem von seinem Gewissen gequälten Jakob auf der Flucht vor seinem von ihm übel betrogenen Bruder Esau gesagt - und das gilt auch Dir, kleiner Mönch Martin. Oder mit Jesu Worten aus unserem Predigttext gesagt: „Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.“ Jeder Spatz am Himmel, gesehen von ihm. Jedes Haar gezählt. Ausbruch aus der Angst durch Einkehr bei Gott. Liebe Gemeinde, ich glaube, dass wir hier dem Geheimnis dessen nahekommen, was Luther in der Finsternis und Einsamkeit seiner Klosterjahre irgendwann vernommen hat: Hab keine Angst, geh aufrecht, tritt ins Freie, denn ich bin mit dir. Ich bin nicht dein Richter, auch nicht dein Ankläger. Sondern dein Begleiter und Anwalt, dein Schutz und Schirm gegen die Angst in dir. Dieser Grundstrom des aufrechten Ganges fließt noch bis heute. Er fließt bis zu uns. Wir Protestanten müssen nur aufpassen, dass wir diese alte, aber bleibend aktuelle Geschichte aus der Begegnung mit Gott heraus erzählen, dass wir nicht zu schnell die Gesellschaft retten und die Welt verbessern wollen, sondern aus dem Hören auf Gott kommen. Nur dann sind wir eine Kirche der Freiheit und der Furchtlosigkeit. Und dann fürchte ich mich, als Pfarrer und Kirchenmensch, zu guter Letzt auch weniger vor einer veränderten Kirche in der Zukunft. Am Ende ist entscheidend: Kirche, Gemeinde ist überall da, wo die Botschaft von Christus laut wird und Menschen darüber zueinanderkommen. Das kann unter so vielen äußeren Umständen geschehen, wie es Menschen gibt. „Wo Gottes Wort laut wird und zu ihm gebetet wird, da ist ein Gotteshaus“, hat Luther gesagt. In Prunk und Pracht der Frauenkirche und im Gemeindesaal am Stadtrand. Im eigenen Wohnzimmer oder unter offenem Himmel im Erzgebirge. Als Organisation, in ihrer Gestalt wird die Kirche sich einschneidend verändern. Aber das hat sie immer schon getan. „Wer will, dass die Kirche bleibt, wie sie ist, will nicht, dass die Kirche bleibt“, hat der Theologe Fulbert Steffensky einfach und einfach wahr gesagt. Ecclesia semper reformanda. Immer wieder entsteht Kirche, Gemeinde, und immer wieder anders. Und immer durch Menschen, denen etwas „ins Ohr gesagt“ wird, die „auf die Dächer“ gehen, um es anderen zu sagen. Und so Botschafter für das werden, was uns Martin Luther mitgegeben hat: Wir sind’s doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten; Unsere Vorfahren sind’s nicht gewesen und unsere Nachfahren werden’s auch nicht sein. Sondern der ist’s, war’s und wird’s sein, der da spricht: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. Amen.