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Philosophical · Compare this tradition with another

Aufgeklärt Staunen mit Frajo (18) • Jeder von uns hat niemals existiert • Franz Josef Wetz

Kortizes – Institut für populärwissenschaftlichen Diskurs · Kortizes – Institut für populärwissenschaftlichen Diskurs · 2026-11-01 · Nürnberg · Source

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Hallo und willkommen zurück bei aufgeklärt Stau'nen. Heute mit einer zugegeben absurdklingenden Überschrift. Jeder von uns hat niemals existiert. Man könnte es auch noch scharf verformulieren. Niemand von uns hat jemals existiert. Das klingt verrückt und es ist, um es im Wissenschaftsjagr zu sagen, alles andere als Evidenz basiert. Im Gegenteil, es scheint einem unbestreitbaren Fakt zu widersprechen. Denn selbstverständlich existiert jeder von uns. Wir sprechen, denken, handeln. Wir sind da. Gewiss, eines Tages werden wir nicht mehr sein, aber gerade deshalb so scheint es müssen wir zuvor existiert haben. Das wirkt logisch zwingend. Wie sollte man das ernsthaft bestreiten? Der Dichter Rainer Maria Rilke bringt dieses Empfinden in seiner neunten Duinese-Elegie eindrucksvoll zum Ausdruck. Einmal jedes nur einmal, einmal und nicht mehr. Und wir auch einmal, nie wieder. Aber dieses einmal gewesen zu sein, wenn auch nur einmal irdisch gewesen zu sein, scheint nicht wiederrufbar. Scheint nicht wiederrufbar. Wirklich nicht? In diesem Podcast behaupte ich nichts Geringeres als das Rilke sich irrt. Ich behaupte, dass unser Dasein tatsächlich wiederrufen wird. Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem. Wenn man nicht sinnvoll bestreiten kann, dass man existiert. Wie sollte es dann jemals wahr sein können, dass man nicht existiert hat? Wie kann ein gelebtes Leben logisch annuliert werden? An dieser Stelle muss ich euch warnen. Es gibt gute Gründe, diesen Podcast nicht weiter zu hören. Zum einen ist das Ergebnis verstörend, es wird viele nicht gefallen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und um ehrlich zu sein, auch ich empfinde das Ergebnis nicht als angenehm. Zum anderen ist der Weg dorthin anspruchsvoll. Die scheinbar unsinnige Quarantese, jeder von uns hat niemals existiert, gründet auf recht abstrakten Überlegungen. Sie verlangen Aufmerksamkeit und Geduld. Ich habe versucht, alles so klar und nachvollziehbar wie möglich zu formulieren, aber der Schwierigkeitsgrad bleibt. Beginnen wir also gewarnt und konzentriert mit einigen grundlegenden durchaus abstrakten Gedanken. Ganz selbstverständlich verwenden wir die Wörter nicht und nichts. Und doch steckt in ihnen eine kleine sprachliche Merkwürdigkeit. Dass es in nichts ist nämlich dasselbe wie in etwas. Tatsächlich ist nichts, ursprünglich nur die verkürzte Form von nicht etwas. Und von dem etwas ist im Nichts nur noch das Es übrig geblieben. Im Alltag benutzen wir solche Verneinungen mühelos. Wir sagen, ich bin nicht du, Blumen sind nicht Bäume, Frankfurt liegt nicht am Niel. Keiner dieser Sätze bereitet Schwierigkeiten. Ihr versteht sofort was gemeint ist. Es scheint also problemlos möglich zu sein ein Nicht zu denken. Doch nun stellt euch eine andere Frage. Wo befindet sich dieses Nicht eigentlich in der Welt? Wenn wir hinaus schauen, sehen wir Menschen, Pflanzen, Städte, Flüsse. Es gibt mich und dich, es gibt Blumen und Bäume. Es gibt Frankfurt am Main und den afrikanischen Strom Niel. All das sind Dinge, Tatsachen, Gegebenheiten. Aber wo ist das nicht? Man kann es nirgends entdecken. Man stößt immer nur auf das, was ist. Gnauer gesagt, in der Wirklichkeit finden wir offenbar nur Fakten und Gegebenheiten, die co-existieren und so irgendeinander verbunden sein können. Du und ich sind befreundet. Blumen und Bäume stehen im selben Garten. Frankfurt liegt an einem Fluss. Nur eben nicht am Niel. Doch dieses Nicht scheint selbst kein Bestandteil der Welt zu sein. Es ist kein Ding, keine Eigenschaft, keine Beziehung. Man kann es nicht lokalisieren. Mit anderen Worten, in der Wirklichkeit gibt es offenbar nur Tatsächliches. Nur das, was der Fall ist. Es gibt Tatsachen und Relationen zwischen Tatsachen. Aber es gibt keine Negationen als eigenständige Bestandteile der Welt. Wenn das stimmt, dann bedeutet Verschiedenheit nicht Verneinung. Blumen sind etwas anderes als Bäume, aber sie schließen sich nicht gegenseitig aus. Du bist nicht ich, doch dein Anderssein ist kein zusätzliches Nicht, das irgendwo existiert. Es ist schlicht eine Differenz. Die Welt enthält demnach das eine und das andere. Dich und mich. Vielleicht sogar in vielfältiger Verbindung. Aber sie enthält kein Nicht. Das Nicht, das wir im Alltag so selbstverständlich verwenden, scheint also keine Eigenschaft der Wirklichkeit selbst zu sein. Es ist nichts Reales, kein eigener Baustein der Welt. Vielmehr ist es ein operativer Mechanismus unseres Denkens. Ein Werkzeug, mit dem wir Wirklichkeit strukturieren. Wenn wir etwas verneinen, beschreiben wir streng genommen nicht ein besonderes Objekt in der Welt. Wir ordnen vielmehr die Welt auf eine bestimmte Weise. Negation ist eine geistige Technik. Wir unterscheiden, grenzen ab, markieren Differenzen. Das Nicht ist gewissermaßen ein Instrument zur Kartografie der Wirklichkeit. Denken funktioniert durch Unterscheidung, durch Kontrast und Abgrenzung. Und dazu gehört auch die Negation. Doch diese Operationen mit dem Negationsbegriff Nicht sind Leistungen unseres Bewusstseins. Sie helfen uns, sich in der Welt zu orientieren. Sie sind Denkbewegungen. Keine Dinge. Die Wirklichkeit selbst kennt kein Nicht. Nur das Denken kennt die Negation. Da unsere Sprache jedoch von Verneinungen durchzogen ist und wir mit ihrer Hilfe, unser Handeln und sogar unser Überleben organisieren, übersehen wir leicht diesen Unterschied. Dann halten wir für reale Strukturen, was in Wahrheit begriffliche Konstruktionen sind. Nehmen wir einmal anders gesagt, es stimmt. In der Wirklichkeit gibt es kein Nicht. Negation ist keine Eigenschaft der Welt, sondern eine Denkoperation, eine Ordnungskategorie unseres Geistes. Dann folgt daraus etwas Erstaunliches. Die Wirklichkeit ist voll. Sie ist totale Fülle. Es gibt Nichts, was Nicht ist. Selbst das, was wir leeren Raum nennen, ist ja nicht Nichts. Es ist ein physikalischer Zustand mit bestimmten Eigenschaften. Auch moderne physikalische Theorien, etwa Überlegungen zur Nullsumme von Quantenflugtuationen, beschreiben keinen absoluten Nichtzustand, sondern hochkomplexe Prozesse. Ein Nicht im strengen Sinne taucht nirgendauf. Diese Denkfigur ist keineswegs neu. Schon einer der frühesten Denker der abendländischen Philosophie hat einen vergleichbaren Standpunkt vertreten. Parmenides von Elea, aus dem 5.6.Jh. vor unserer Zeitrechnung. Und nun wird es besonders bemerkenswert. Selbst Carol Popper, der Begründer des kritischen Rationalismus und gewiss kein Freund irrationaler Spekulationen, nannte Parmenides, man höre und staune, den größten unter allen Philosophen. Parmenides eröffnete die Geschichte der abendländischen Philosophie mit einem ebenso schlichten wie radikalen Gedanken. Sein berühmter Paukenschlag lautete sinngemäß, Was ist, ist. Was nicht, ist, ist nicht. Auf den ersten Blick klingt das unspektakulär, fast banal. Es scheint eine bloß logische Selbstverständlichkeit zu sein. Eine Tautologie. Was ist, ist eben. Und was nicht ist, ist eben nicht. Doch die Sprenkkraft dieses Satzes zeigt sich, wenn wir ihn ernst nehmen und auf uns selbst anwenden. Denn wenn nur das ist, was ist und das was nicht ist, in keiner Weise sein kann, dann stellt sich eine beunruhigende Frage. Was bedeutet das für unseren Tod? Wir sind gewohnt zu sagen, eines Tages werde ich nicht mehr sein. Mein Leben wird enden, ich werde gestorben sein. Für jeden von uns kommt der Tag, an dem wir tot sind. Aber was heißt das genau? Heißt es, dass wir ins Nichts übergehen? Heißt es, dass wir von einem Zustand des Seins in einem Zustand des Nichtseins wechseln? Wenn Parmeni das Recht hat, dann ist genau das unmöglich. Und damit beginnt das eigentliche Problem. Doch gehen wir Schritt für Schritt vor. Was geschieht eigentlich, wenn wir sterben? Zunächst versagen die Funktionen unseres Körpers. Organe stellen ihre Arbeit ein, die Atmung kommt zum Erliegen, der Stoffwechsel bricht zusammen, der Blutkreislauf stoppt, das zentrale Nervensystem beendet seine Aktivität. Der Körper verliert unwiderruflich seine Fähigkeit zur Selbstregulation. Zurück bleibt ein Leichnam. Der körperliche Rest dessen, was wir zuvor eine lebendige Person nannten, wird der Körper nicht eingeäschert, beginnt er sich allmählich zu zersetzen. Gewebe zerfällt, chemische Prozesse setzen ein, Mikroorganismen übernehmen. Der Körper löst sich in seine Bestandteile auf und geht in andere Stoffkreisläufe über. Doch selbst dann verschwindet der Verstorbele nicht einfach spurlos. Es bleiben Erinnerungen in den Köpfen anderer Menschen. Es bleiben Spuren seines Handels, vielleicht ein Haus, ein Unternehmen, persönliche Gegenstände. Es bleiben Beziehungen, ein Partner, Kinder und in ihnen sogar eine genetische Kontinuität. Mit anderen Worten, der Tote ist nicht mehr lebendig, aber er ist auch nicht einfach nichts. Sein Körper ist noch da, zumindest für eine gewisse Zeit, und auch seine Wirkungen dauern an. Seine Spuren bleiben. Unter Spuren versteht man gewöhnlich reale Dinge. Fosilien, Erdschichten, Inschriften, Dokumente. Doch sie sind nicht das Vergangene selbst. Das Vergangene existiert nicht mehr. Es ist nur noch in diesen Spuren eingeschrieben. Vergangenheit begegnet uns überhaupt nur in Form gegenwärtiger Ordnungen. In radiometrischen Daten, in Gesteinsschichten, Fosilien, Büchern oder Denkmäler. Nüchtern betrachtet sind Spuren nichts anderes als gegenwärtige Strukturen, deren Zustand sich nur durch bestimmte frühere Konstellationen erklären lässt. Dass es heute Säugetiere gibt, verweist auf eine Evolutionsgeschichte. Unterschiedliche Erdschichten, Zeugen von früheren geologischen Prozessen, die nach bestimmten physikalischen Gesetzmäßigkeiten abliefen. In diesem Sinne ist auch ein toter menschlicher Körper, zumindest für eine gewisse Zeit eine Art Trauerfosil für die Angehörigen und Freunde, eine gegenwärtige Spur eines vergangenen Lebens. Doch Überreste sind auch vergänglich. Es wird ein Zeitpunkt kommen, an dem vom Leichnam nichts mehr auffindbar ist. Kein Grabstein, keine Knochen, keine DNA. Wind und Wasser, chemische Reaktionen und geologische Veränderungen werden alle materiellen Spuren ausgelöscht haben. Selbst der Ort der Bestattung kann in Vergessenheit geraten, überbaut oder von der Natur zurückgeobert werden. So löst sich auch der Körper allmählich auf. Seine Bestandteile gehen, wie schon betont, in andere Stoffkreisläufe über, verteilen sich, verändern ihre Gestalt. Irgendwann lässt sich nicht mehr sagen, hier ist noch etwas von dieser bestimmten Person. Ähnliches gilt für das Gedenken. Wir mögen noch so sehr betonen, dass wir den Verstorbenen in liebevoller Erhederung bewahren wollen. Auch Erinnerung ist vergänglich. Trauer verblasst. Persönliches Gedächtnis schwindet. Schließlich lebt niemand mehr, der wissen könnte, dass es diesen Menschen einst gab. Selbst der größte Ruhm, im kollektiven Gedächtnis, ist nicht von Dauer. Früher oder später fehlen die Menschen, die sich erinnern könnten. Mit ihnen verschwindet auch das letzte, bewusste Wissen um ein vergangenes Leben. Und doch scheint eines unwiderruflich festzustehen, dass dieses Leben stattgefunden hat. Wierilke formuliert, dass man einmal gewesen ist, dass du jetzt diesen Podcast hörst, dass ich ihn gerade entwerfe. Wir neigen zu der Überzeugung, dass dies für alle Ewigkeit wahr bleiben müssen, dass es immer wahr sein wird, dass wir existiert haben. Aber genau hier beginnt die entscheidende Frage. Wer oder was ist der Träger dieser Wahrheit? Was macht die Aussage, wir haben gelebt? Wahr, wenn alle Spuren verschwunden sind. Kein Bewusstsein sich erinnert und nichts mehr existiert, dass diese Wahrheit bewahren oder verkörpern könnte. In der religiösen Tradition findet sich eine klare Antwort auf unsere Frage. Der Name eines Menschen ist für alle Zeit im göttlichen Buch des Lebens eingeschrieben. Nichts geht verloren, nichts wird vergessen, weil sich Gott erinnert. Auch in der Philosophie gibt es Varianten dieser Idee. Denker wie Franz Brentano, Emil Laszko oder Karl Popper, sprechen von einem zeitlosen Reich der Geltung oder der Wahrheit. Funktional betrachtet ist das eine Art Ersatzteologie, ein überzeitlicher Bereich in dem Wahrheiten dauerhaft aufgehoben sind. In einem solchen Reich wäre für immer gespeichert, dass du und ich existiert haben. Doch diese, wie ich es nennen möchte, Archivvorstellungen sind mit erheblichen Schwierigkeiten belastet. Sie wirken weniger wie überzeugende Lösungen als wie Antworten aus Verlegenheit. Das gilt auch für den sogenannten Archivrealismus. Der annimmt, es gebe eine Vergangenheit an sich, eine eigene Seinsregion, einen anonymen Speicher, ein bewusstloses Gedächtnis der Welt, in dem unser gewesen sein gleichsam abgelegt wäre. Vielleicht erscheinen euch solche Konzepte befremdlich oder sogar etwas kurios. Dennoch drängen sie sich fast zwangsläufig auf, wenn man daran festhält, dass es für alle Ewigkeit Ware bleibt, das wir gelebt haben. Denn ohne einen Wahrheitsträger fehlt dieser Überzeugung die Grundlage. Wenn es ewig Ware sein soll, das ich einmal gelebt habe, dann setzt das stillschweigend voraus, dass es etwas gibt, das diese Wahrheit trägt. Ein göttliches Gedächtnis, eine Vergangenheit an sich, ein zeitloses Reich der Geltung. Nun bin ich, aus Gründen die hier nicht im Einzelnen entfaltet werden können, überzeugt, dass jene hochrangigen Wahrheitsmacher, Speicher und Archivregionen illusionär sind. Es gibt keine Geltung an sich und kein Gedächtnis der Welt, in dem unser gelebtes Leben wie ein Beweisstück in einer Asservatenkammer verwahrt würde. Geltung und Gedächtnis existieren nur, solange es Spuren gibt, Erinnerungen, Wirkungen. Und wenn all das vergeht, verweht mit ihnen auch die Wahrheit, die sie getragen haben. Wahrheiten über Vergangenes sind also nur so lange Ware, wie es stabile Wahrheitsmacher gibt, also Spuren, Erinnerungen, Wirkungen. Wenn wir eines Tages vollständig verschwunden sind und nichts mehr existiert, das auf uns verweist, dann verschwinden mit den Wahrheitsmachern den Spuren und Erinnerungen auch die entsprechenden Wahrheiten. Diesen Verdacht legen schon die Grundthesen nah, die zu Beginn dieses Podcast vorgestellt wurden. Sein ist, Nicht sein ist nicht. Die beiden unscheinbaren, beinahe trivial gelingenden Sätze haben eine weitreichende Konsequenz. Grammatikalisch gesprochen machen sie das Futur 2 instabil. Im Futur 2 sagen wir über uns selbst. Mag ich der einst auch völlig vergessen werden und spurlos verschwinden? Ich werde doch unwiderruflich gewesen sein. Doch genau dieser Gedanke steht nun in Frage. Wir sind daran gewöhnt zu glauben, dass wir beim Sterben ins Nichts sinken. Doch wir haben bereits gesehen, in der Wirklichkeit gibt es kein Nicht. Kein Nichts. Das sind Kategorien unseres Dänkens. Keine Bestandteile der Realität. Genau hier beginnt der entscheidende Schritt. Stellen wir uns vor. Ich verschwinde eines Tages vollständig. Keine Überreste, keine Wirkung, keine Erinnerung, keine Spur von Gegenwertigkeit mehr. Nichts also, was noch auf mich verweist. Darf man dann noch sagen, dass ich gelebt habe? Solange es Spuren gibt, ist die Antwort klar. Ja. Aber was? Wenn es wirklich gar nichts mehr gibt, was mich in irgendeiner Weise realisiert? Dann bin ich nicht einfach nur nicht mehr da. Dann komme ich in der Wirklichkeit überhaupt vor. Nun haben wir festgestellt, dass Nicht sein ist selbst nichts Wirkliches. Das Nichtsein ist kein Zustand, in dem man sich befinden könnte. Das Nichtsein ist keine Art von Existenz im Minusbereich. Das heißt, wenn ich vollständig aus jeder Form von Gegenwertigkeit herausgefallen bin, dann bleibe ich nicht einmal als jemand bestehen, der nicht mehr existiert. Und genau hier liegt der eigentliche Abgrund. Wenn Widersein noch Nichtsein irgendwie Wirklich sind, wenn nichts mehr in irgendeiner Weise auf mich verweist, wenn es keinen Bezugspunkt mehr gibt, dann hat auch mein Gewesen sein keinen Ort mehr in der Wirklichkeit. Es bleibt nichts, worauf sich der Satz Ich habe gelebt, noch beziehen könnte. Das klingt extrem. Und das ist es auch. Es bedeutet, wenn ich eines Tages vollständig und spurlos ausgelöscht sein werde, dann wird damit auch ausgelöscht, dass ich ausgelöscht bin. Wichtig ist, dies nicht mit einer harmloseren Überlegung zu verwechseln. Es geht nicht bloß darum, dass es dann so aussieht, als hätte mein Leben nie stattgefunden, weil niemand sich mehr erinnert. Das wäre lediglich ein Verlust des Gedächtnisses. Ich bleibe dabei immer noch als jemand, von dem nur niemand mehr weiß. Der Gedanke hier ist radikaler. Wenn es kein Nicht in der Wirklichkeit gibt und ich aus jeder Form von Gegenwertigkeit herausgefallen bin, dann erscheint mein Leben nicht nur so, als sei es niemals geschehen, dann ist es niemals geschehen. Da das nicht selbst nicht ist, wird auch mein ausgelöscht sein ausgelöscht. Damit kollabiert das Futur 2 vollständig. Der Satz Ich werde eines Tages gewesen sein, verliert seinen Halt. Dass ich war, ist kein ewiger Wahrheitswert. Was einmal war, kann so gründlich nicht sein, dass es nie war. Eines Tages werde ich nicht einmal mehr nicht gewesen sein. Das Gewesene ist ein nicht einmal mehr als gewesenes. In diesem strengen Sinne ist es nicht wahrer, das war, was war. Wenn meine Gegenwertigkeit in keiner Gestalt mehr realisiert ist, weder als Leiche, noch durch Erinnerungen oder Wirkungen, dann ist das Gewesene nicht einmal mehr als gewesenes vorhanden. Der Tod negiert also das Leben nicht im Sinne eines Übergangs ins Nicht oder Nichts. Viel mehr hört das Leben lediglich auf, realisiert zu sein. Und wenn Realisierung das Einzige sein ist, dann bedeutet das in letzter Konsequenz, mein Leben wird annuliert. Oder um das genannte Wort Rilkes erneut aufzugreifen, mein Leben wird wiederrufen. Rückgängig gemacht, für null und nichtig erklärt. Ein bildhafter Vergleich mag helfen. Es ist, als würde ein Computer vollständig auf Werkeinstellungen zurückgesetzt. Persönliche Dateien, Programme, Einstellungen werden so restlos entfernt, dass ich nicht mehr feststellen lässt, dass sie jemals auf der Festplatte waren. Nicht nur sind sie nicht mehr zugänglich. Es gibt keinen Hinweis mehr darauf, dass sie je existiert haben. Viele Menschen fürchten das Nichts, in das sie, so glauben sie, im Tod fallen werden. Doch unsere Überlegungen führte zu einer überraschenden, noch schockierenderen Einsicht. Die Abwesenheit des Nichts ist schlimmer als das Nichts. Denn wenn es in der Wirklichkeit kein Nicht gibt, dann bedeutet der Tod nicht einfach, dass ein Mensch nicht mehr ist. Der Tod bedeutet jetzt viel mehr, dass es eines Tages nicht einmal mehr wahr sein wird, dass dieser Mensch gelebt hat. Gerade weil es kein Nichts sein als eigenen Zustand gibt, verschärft sich unsere Endlichkeit. Es klingt Paradox, ist aber konsequent. Unser Verschwinden ist absolut, weil es kein Nichts gibt, in das wir übergehen könnten. Eine Wirklichkeit ohne Nicht garantiert also keine Bewahrung, wie man leicht vermuten könnte. Im Gegenteil, wenn man den Gedanken zu Ende denkt, führt sie zur radikalsten Form der Auslöschung. Das ist ein harter Gedanke. Eine logische Konsequenz, die vielen von Euch wieder streben wird. Ich habe Euch gewarnt. Dieser Podcast ist nicht nur abstrakt, er ist auch unerquicklich. Seine Botschaft ist schwer zu ertragen. Vielleicht denkt Ihr, ich müsste mich selbst nicht besonders mögen, um den Gedanken an den eigenen Tod so weit zu treiben, bis zu dem Punkt, an dem mein Leben vollständig annuliert wird und man nicht einmal mehr sagen kann, ich war immerhin einmal. Ich kann Euch beruhigen. Mein Leben und Denken sind nicht aus den Fugen geraten. Ich bin kein Lebensverächter, kein Daseinspessimist. Diese Überlegungen folgen allein nüchternen Konsequenzen, vor allem aus der Auseinandersetzung mit Parmenides. Ich spreche bewusst, deshalb von einer Entdeckung, nicht von einer Erfindung. Denn auch für mich ist der Gedanke des absoluten Verschwindens eine Zumutung. Doch bleiben zwei Aspekte, die zumindest einen schwachen Trost enthalten. 1. Gerade vor dem Hintergrund einer möglichen radikal